Offener Brief: Heiliger Vater
Heiliger Vater,
vor 29 Jahren waren wir, mein ältester Sohn und ich, in der Münchener Frauenkirche, als Eure Heiligkeit von der Isar-Metropole und dem von Euch geliebten Bayern Abschied nahm, um dem Ruf nach Rom zu folgen. Beim Auszug aus der Kirche blieben Sie auch vor meinem Sohn stehen, legten dem damals Zehnjährigen die Hand auf und segneten ihn.
Uns hat diese Begegnung sehr bewegt und meinem Sohn sagte ich damals: Dies ist der nächste Papst. Das war 1982, und bei Ihrem ersten Besuch als Papst in Deutschland stand ich vor dem Dom in Regensburg, um Anteil an Ihrem Besuch zu nehmen.
Nun wohne ich (wieder) in Berlin, und Sie besuchen diese Stadt. Diesmal werde ich nicht am Straßenrand stehen. Warum?
Troy Davis ist tot. Er wurde trotz vieler Proteste hingerichtet. Auch Sie haben protestiert, aber reicht das in unserer Zeit, um Zeichen zu setzen? Wäre es nicht ein Signal gewesen, als Papst in der Stunde des Todes vor dem Gefängnis, vor dem Hinrichtungsort aufzutreten? Wäre diese Botschaft nicht überzeugender gewesen, als tausende noch so gut formulierte Appelle?
Gewiss, auch Eure Heiligkeit kann nicht an jedem Ort dieser Erde, bei jedem menschlichen Drama anwesend sein. Aber er kann und er m u s s Zeichen setzen, damit die Botschaft wieder lebendig, wieder vermittelbar wird.
Vor wenigen Tagen wurde hier mitten in Berlin der dreiundzwanzigjährige Giuseppe M. Opfer einer Hetzjagd durch zwei, drei vermutlich gewaltbereite Menschen. Mitten auf dem Kaiserdamm haben viele hundert Menschen ihrer Trauer und Verzweiflung Ausdruck verliehen, Blumen und Kerzen aufgestellt. Und Bilder, die an das junge, nun ausgelöschte Leben erinnern. Sie werden an diesem Ort nicht vorbeikommen, nicht anhalten, keinen Segen erteilen. Weil Sie vermutlich über diesen sinnlosen Tod gar nicht informiert wurden, die Organisatoren kein Interesse daran haben, Eure Heiligkeit an diesen Ort zu führen. Berlin soll glänzen, da passen die harten Wirklichkeiten nicht in ein strahlendes Besuchsprogramm.
Trotzdem, es wäre ein wichtiges Zeichen gewesen, gegen Gewalt, für die bedingungslose Liebe zu allen Menschen, für die Christus stand, für die auch die Kirche stehen will. Dieses Zeichen bleibt wieder aus, wie bei Troy Davis. Darum werde ich diesmal nicht an Ihrer Wegstrecke stehen, sondern am Blumen- und Lichter-Mahnmal für einen jungen, so sinnlos ums Leben gestorbenen Menschen. Mitten auf dem Kaiserdamm in Berlin-Charlottenburg.
Mit sehr traurigen Grüßen
Ein Protestant
P.S.: Dier Beisetzung von Guiseppe Marcone findet am 7.10.2011 um 9:30 Uhr
auf dem Waldfriedhof Dahlem (Hüttenweg / Näher Clayallee) statt.


Danke. Ein sehr persönlicher, berührender Beitrag.
Auch ich habe um Troy Davis gebangt. Die Todesstrafe ist ein Relikt aus totalitären Mentalitäten. Der Papst hat sich gegen die Todesstrafe ausgesprochen und oft für Verurteilte eingesetzt. Doch die Kirchen aller Farben drehen sich in den letzten Jahren eher um sich selbst, als mit offensiven Einsatz das Reich Gottes auch durch aktive Menschenrechtsarbeit zu bekennen.
Nochmal – Danke für die Worte.
Pfarrer Michael Kleim
Als Politiker bedauere ich, dass Giovanni M. einfach zu spät gestorben ist. Der Wahlkampf war vorbei, was bringt uns Politikern oder Parteien da noch die öffentliche Anteilnahme?
Tote, die wir politisch nicht verwerten können, sind für uns keine Toten.
Und außerdem, sind wir doch einmal ehrlich: Was sollen wir mit einem tragischen Toten, der nicht von Rechtsradikalen ums Leben gebracht wurde? Da lässt sich ja politisch gleich gar nichts verwerten. Wenn die beiden Türken wenigstens den Grauen Wölfen angehört hätten, aber so?
Wie gesagt, der Wahlkampf ist vorbei. Und wenn es wieder einmal in Berlin Tote geben sollte, dann sorgt bitte dafür, dass es einen rechtsradikalen Hintergrund (bitte nicht linksradikal!) gibt. Dann könnt ihr auch mit uns, den Politikern, rechnen. Sorry, so war leider nichts drin und der Weg zum Kaiserdamm politisch nicht profitabel.
Ein Berliner Politiker,
der bescheiden im Hintergrund bleiben möchte.
An die Töpfe wollen sie alle?
Es sind keine ordentlichen Töpfe, sondern es sind die Fessnäpfe in einem eigens und selbst für dieses Klientel erschaffenen Selbstbedienungsladen, den es sich auf Kosten des Steuerzahlers immer lukrativer selbst ausgestaltet, um sich auch alles in jeder gewünschten, willkürlichen Höhe zu verordnen, abgehoben vom Volk und jeder Realität. Diese Politiker sind zu mindestens 80 % nicht ihrem Wählern, sondern nur noch ihrer persönlichen Selbstsicherung verpflichtet. Das Ende solch schäbiger Politik ist so nahe wie der Untergang des Warschauer Paktes, der bereits 1968 eingeläutet worden ist. Die damals noch verbliebenen 20 Jahre verkürzen sich unter den jetzigen katastrophalen Verhältnissen auf zwei bis fünf Jahre. Danach wird es wohl eher noch schlechter als besser werden.
Optimist ist, wer trotz schlimmster Entwicklungen den Mut nicht verliert, denn auch in finstersten Zeiten stirbt das Licht nicht.
Stefan Köhler