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Nur wer auf die Barrikaden geht und protestiert…

„Nur wer auf die Barrikaden geht und protestiert, der ist dem Himmel näher“ (Bert Brecht).
An diese Worte muss ich wieder in diesen Tagen denken. Auf den Tag genau vor zwanzig Jahren, am 16. August 1990, beendete ich nach sechs Tagen den Hungerstreik vor dem Justizministerium der DDR, nachdem der Justizminister Prof. Kurt Wünsche der Hungerstreik-Forderung zum Rücktritt nachgekommen war. Es war der einzige unmittelbare Erfolg einer Protestaktion nach vielen Demonstrationen und Hungerstreiks gegen die Berliner Mauer, gegen das am 9. November 1989 überwundene diktatorische SED-DDR-System.

Im Juli 1990 war ich von meiner Bank nach Eisenach entsandt worden, um vor Ort nach Beginn der Währungsunion die Infrastruktur für die Bank aufzubauen. Irgendwann las ich in diesen aufregenden Wochen von den Verstrickungen des Justizministers in der ersten (und letzten) demokratisch gewählten Regierung der DDR nach dem Mauerfall. Dieser Mann war bereits unter Ulbricht und Honecker in diesem Amt. Ich konnte und ich wollte nicht begreifen, dass ein derart belasteter Politiker nunmehr in einem demokratisch gewählten Kabinett vertreten war. Nach kurzer Zeit stand mein Entschluss fest. Ich nahm mir Urlaub und fuhr am 10. August nach Berlin, um einen unbefristeten Hungerstreik vor den Toren des Justizministeriums zu beginnen. Mit einem Schild: „Terrorminister Wünsche, treten Sie zurück!“ konfrontierte ich morgens und abends den Minister mit dieser Forderung, wenn er in den Hof des Ministeriums einfuhr oder davonfuhr.

Schon nach zwei Tagen lud mich der Minister zu einem Gespräch in sein Büro ein. Das war wohl der einmaligen Aufbruchstimmung geschuldet, denn ich konnte mich weder vorher noch nachher daran erinnern, dass mich je ein Verantwortlicher aus einem solchen Anlass zu einem Gespräch eingeladen hätte. Wünsche legte mir seine Sicht der Dinge dar. Er sei zwar damals Minister gewesen, aber die Strippen hätten andere gezogen. Er sei nur Figur in einem dubiosen Spiel gewesen, ohne Entscheidungs- oder Verantwortungsbefugnis. Ich widersprach, verwies auf die grundsätzliche politische Verantwortung eines Ministers für Geschehnisse in seinem Zuständigkeitsbereich. Und ich appellierte an Kurt Wünsche, wenige Wochen vor dem bereits feststehenden Ende der DDR Charakter zu zeigen und die Verantwortung zu übernehmen.
In einem zweiten Gespräch vertiefte Wünsche seine Sicht der Dinge, forderte mich auf, den Hungerstreik zu beenden. Diesmal verwies er auf sein Engagement, um eine Entschädigungs-regelung für die ehemaligen politischen Verfolgten zu erreichen. Bonn, gemeint war das Kabinett Helmut Kohl, habe bereits zwei Vorschläge der DDR-Regierung „als nicht finanzierbar“ zurückgewiesen, gegenwärtig sitze er über einem dritten Vorschlag. (Tatsächlich wurden mir diese Angaben später bestätigt. In meinem Glauben an die Integrität der Regierung in Bonn hatte ich die Abweisung von Entschädigungen ehemaliger politischer Verfolgter zunächst nicht glauben wollen.)

Am 16. August wurde ich zu einem dritten Gespräch eingeladen. Der Minister war ernst, schien auch bedrückt. Er eröffnete das Gespräch mit der Ermahnung, er würde mir jetzt eine Mitteilung machen. Wenn ich darüber spräche, würde er den Inhalt bestreiten und seine Absicht revidieren. Natürlich sagte ich Vertraulichkeit zu. Dann erklärte mir Wünsche, dass am Abend drei Minister zurücktreten würden. Er habe den Ministerpräsidenten gegen dessen energischen Widerstand gebeten, auch seinen, Wünsches Rücktritt, anzunehmen. Ich war über diese Wendung überrascht, aber auch sehr stolz über diesen Erfolg meines bereits sechs Tage andauernden Hungerstreiks. Nachdem ich die Begründung des Ministers gelesen hatte, auf ein weißes Stück Papier ohne Briefkopf geschrieben, aber von ihm unterzeichnet, konnte ich meinen Respekt nicht versagen. Wünsche übernahm die Verantwortung an seinem Mitwirken und forderte auch andere auf, „die sich in einer ähnlichen Situation befinden, über Konsequenzen aus ihrer politischen Verantwortung für Vergangenheit und Gegenwart rechtzeitig vor dem Beitritt der DDR zur BRD nachzudenken.“ Der Minister hatte damit nahezu wortwörtlich meine Argumentation übernommen.

Zurück aus dem Ministerbüro war mir etwas taumelig zumute. War das ein Film oder Wirklichkeit? Würde mir das jemals geglaubt werden, wenn ich darüber einst berichten würde? Wem gegenüber konnte ich mich offenbaren, wen als Zeitzeugen gewinnen? Ein bekanntes Boulevard-Blatt schied aus. Die würden einer möglichen Sensation wegen den eigenen Verleger verkaufen. Zwei Tage zuvor hatte mich Axel Hacke von der Süddeutschen Zeitung besucht. Die Süddeutsche schien mir seriös genug, den Vorgang festzuhalten, ohne diesen durch vorzeitige Veröffentlichung zunichte zu machen. Axel Hacke residierte in einem Haus quasi um die Ecke.

„Was ich Ihnen jetzt sage, dürfen Sie auf keinen Fall offiziell verwenden, bevor das amtlich wird. Sonst ist der Erfolg meines Hungerstreikes gefährdet.“ Nachdem mir Hacke die Zusage gegeben hatte, berichtete ich dem erstaunten Journalisten von dem Gespräch im Ministerbüro. Hacke fragte mehrfach zurück, ungläubig, erstaunt, fast ratlos, wie er mit einer solchen Mitteilung umgehen sollte. Wenig später beschrieb er auf der Seite Drei der SZ die Situation: „Wünsche habe seinen baldigen Rücktritt in Aussicht gestellt, ihm (Holzapfel) sogar eine Termin genannt … Und es würden nicht nur Wünsche selbst, sondern auch einige andere Minister ihr Amt verlassen. Da dachten wir noch, sechs Tage Hunger hätten dem Mann ein wenig die Sinne verwirrt.: Wann hätte man je den Zusammenbruch einer Regierung ausgerechnet von einem hungerstreikenden Herrn aus Puchheim (Bayern) erfahren? Zwei Stunden später gab Lothar de Maizière die Entlassung der Minister Romberg und Pollack sowie die Demission ihrer Kollegen Pohl und Wünsche bekannt. Am nächsten Tag kommt Carl-Wolfgang Holzapfel noch einmal vorbei und überreicht eine Presseerklärung, die überschrieben ist: „Bankkaufmann aus Bayern erzwingt Rücktritt Wünsches“.

Zurück in Eisenach beglückwünschten mich die jungen Kollegen zu dem „tollen Erfolg“.
Der Zweigstellenleiter (unseres Containers) aber eröffnete mir meine Abberufung auf Veranlassung der Frankfurter Zentrale, die er trotz aller Bemühungen nicht habe verhindern können. Ich sollte mich umgehend bei der Geschäftsleitung in München melden.
Dort wurde mir dann eröffnet, ich hätte mit meiner Aktion in Berlin „den Interessen der Bank in der Deutschen Demokratischen Republik schweren Schaden zugefügt.“ Das war exakt sieben Wochen vor dem Ende dieser DDR und das Ende meiner Banklaufbahn.

C´est la vie! Ich lebe noch. Und ich erinnere mich zwanzig Jahre danach an Berthold Brecht:
Nie war ich dem Himmel näher, als in dieser Stunde des Triumphes in einem Ministerbüro im einstigen Ost-Berlin.

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